Antonslust

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Dez 012011
 

Windige Sachzwänge

Netzbetreiber wollen Umspannwerk Antonslust durchdrücken

(iz/jm) Im Frühjahr 2011 wurden die Planungen für ein Industrie- oder Gewerbegebiet mit Umspannwerk in der ländlichen Idylle zwischen Wilhelmshaven und Fedderwarden öffentlich. Bei einer Informationsveranstaltung auf Burg Kniphausen im November wurde die Gemengelage der Interessen deutlich. Die Akzeptanz der Anwohner bleibt gespalten.

Wir erinnern uns: Im März hatten besorgte Anlieger zu einem Info- und Diskussionsabend in die Gaststätte „Antonslust“ geladen (S. Gegenwind 257 vom März 2011, „Schafweide mit Bahnanschluss“). Jetzt war die Stadt Veranstalter des Infoabends mit Referenten des Netzbetreibers TenneT, zu dessen Unternehmensphilosophie es gehört, frühzeitig den Austausch mit Betroffenen zu suchen. So halten es auch andere Großunternehmen. Das ist einerseits anständig, andererseits sollen durch ein kuscheliges Miteinander auch Widerstände aus dem Weg geräumt werden. Oberbürgermeister Andreas Wagner gab höchstselbst den Moderator inklusive Mikrofontransport zwischen den Rednern. Bislang erfüllt er sein Versprechen von mehr Bürgernähe. (Im Nachgang erschien auf der Internetseite der Stadt ein eigener Bericht, in dem auch kritische Beiträge der Veranstaltung sachlich und namentlich gewürdigt wurden.) Die Firma TenneT, einer der TOP 5 der europäischen Stromnetzbetreiber, fuhr gleich vier Fachleute auf, die versuchten zu erklären, warum Wilhelmshaven ein weiteres Umspannwerk braucht (neben dem an der Maade) und warum gerade der Standort Antonslust ins Auge gefasst wird.

Interessenskonflikte

Für Schnell-Leser/innen, denen Details zu mühsam sind, hier die Zusammenfassung der Interessenslagen, die sich während und nach der Veranstaltung herauskristallisierten. Die Stadt möchte vor allem eins: Die Flächen an der Antonslust verkaufen. Das würde schätzungsweise 1,5 Mio Euro in die klamme Stadtkasse spülen. TenneT möchte dort das Umspannwerk (UW) bauen, weil es für sie logistisch der beste Standort ist. Die Anwohner (zumindest einige) konnten sich am Ende mit einem UW arrangieren, wenn es, wie versprochen, entsprechend eingegrünt und ein Sicherheitsabstand garantiert wird. Der OB würde ein Gewerbegebiet bevorzugen, weil es mehr Arbeitsplätze bringt. Die Anwohner möchten kein Gewerbegebiet, das an ihre Grundstücke heranrückt. Naturschutzvertreter möchten das Landschaftsbild am dortigen Stadtrand lieber gänzlich unangetastet wissen und fordern die Suche nach einem Alternativstandort für das Umspannwerk bzw. die Nutzung des vorhandenen Gewerbeflächenpools für Ansiedlungen andernorts. Dass TenneT ein UW unbedingt bei Antonslust errichten möchte, ist relativ neu. Bereits vor Jahren wurde ein Antrag auf Erweiterung des UW Maade sowie der Bau einer 380-kV- Höchstspannungsleitung nach Conneforde beantragt. Damit sollte neben dem bestehenden Kohlekraftwerk von E.ON auch das im Bau befindliche Kohlekraftwerk der Firma GDF SUEZ mit ans Netz gehen. Darüber hinaus sollte sichergestellt werden, dass zusätzlich auch noch der Strom aus einem 2. Kraftwerksblock von E.ON abgeführt werden konnte. Als E.ON sein ‚50+Projekt’ wegen Materialproblemen eindampfte, war man offenbar nicht mehr auf eine 380-kV-Leitung von TenneT angewiesen. Die bestehende 220-KV-Leitung nach Conneforde reicht für die Stromabfuhr aus dem bestehenden E.ON-Kraftwerk ja weiterhin aus. Dies hat bei Tennet wohl den Anstoß zum Umdenken gegeben. Da passt es gut, dass die Firma INEOS ihre für die Erweiterung des UW Maade und der Höchstspannungsleitung erforderlichen Flächen nicht verkaufen will?! Und die Stadt, hier schließt sich der Kreis, dürfte kaum ernsthaft mit INEOS verhandeln, wenn sie den Standort Antonslust vermarkten will. Andererseits liebäugelt sie mit der Ansiedlung von Industrie und Gewerbe, weshalb ein anderer Standort für das UW wieder zur Diskussion steht. Der Verkauf an TenneT wäre allerdings eine sichere Bank, die Öffnung eines weiteren Gewerbegebietes ohne konkrete Nachfrage weniger.

Wohin mit dem Windstrom?

Laut Marius Strecker von der Bayreuther TenneT-Zentrale geht es dem Höchstspannungsnetzbetreiber vorrangig um die Abnahme des Stroms aus erneuerbaren Energien, Es sollen einmal gewaltige Mengen werden, die von den Erzeuger- zu den Verbraucherzentren transportiert werden müssen. Was aber an Offshorestrom über ein UW in Wilhelmshaven in das europaweit gespannte Fernleitungsnetz eingespeist werden soll, nimmt sich bislang äußerst bescheiden aus: Außer dem Stromanschluss des Offshore-Windparks ‚Nordergründe‘ – mit mickerigen 111 MW-Nennleistung – über eine 115-kV-Wechselstromleitung sind bislang keine Offshore-Anbindungen an Wilhelmshaven geplant. Die bislang von TenneT geplanten Stromtrassen verlaufen über Ostfriesland und Dithmarschen. Auf der Netzkarte ‚TenneT-Offshore‘ ist die’Nordergründe‘-Trasse noch nicht mal eingetragen. Das neue UW ist demnach nur ein winziger Baustein des ambitionierten Vorhabens aus zehntausenden Kilometern Leitungen und Zusatzanlagen.

Stadt-Rand-Schluss

Im Sinne des Umwelt- und Naturschutzes müssen bei einem Vorhaben verschiedene Alternativen geprüft werden, um Eingriffe in die Natur zu minimieren. Zum Schutz des Landschaftsbildes empfiehlt es sich, Industrie- und Gewerbeanlagen zu konzentrieren, statt in der Fläche zu streuen. Deshalb der Vorschlag Rüstersieler Groden, wo sich ohnehin schon Industrie- und Energieanlagen ballen, während der Bereich Antonslust-Kniphausen abgesehen von der Autobahn bis jetzt noch eine ländlich geprägte Stadtrandsituation aufweist. Sind weitere Optionen ernsthaft geprüft worden? Laut TenneT ist Antonslust „aus technischer Sicht der beste Standort“, weil sich ohne Konflikte mit anderen Bauwerken die vorhandene Stromtrasse neben der Autobahn nutzen lässt (die neuen Leitungen sollen übrigens unterirdisch verlegt werden). Eine Antwort, nur nicht auf die gestellte Frage.

Landschaftskosmetik

Nachdem soweit geklärt war, wer und was die Stadtplanung bestimmt, ging es um das „Wie“. Laut TenneT werden die Anlagen des Umspannwerkes maximal zehn Meter hoch, einzelne „Portale“ höchstens 19 Meter. Der Boden würde kaum versiegelt bis auf die Zuwegung für Wartungsarbeiten, und das Ganze schön eingegrünt. Die Anwohner interessierten sich allerdings für die Abstände zwischen dem Umspannwerk und der Wohnbebauung (Stichwort Elektrosmog) und für die Nutzung der verbleibenden Flächen, die nicht für die Transformatoranlage benötigt wird. (Die Nutzfläche reicht etwa von der Autobahn bis zu einem Graben, der ca. 300 m von der Wohnbebauung entfernt ist). Ihre Befürchtungen, dass dort weitere Gewerbe- und Industrieanlagen errichtet werden, wurden vom OB „verstanden und aufgenommen“. Konkret festlegen wollte er sich aber zu dem Zeitpunkt nicht: „Wollen wir die Fläche nur mit einem Umspannwerk blockieren oder für weitere Arbeitsplätze freihalten?“ Für Kottek passt das energiewirtschaftliche Vorhaben zur geplanten Ansiedlung von Offshore-Wind-Technologie (Anlagenbau und -umschlag) in Wilhelmshaven. Schließlich brachte Anliegerin Sigrid Loges die Idee auf, dass TenneT die freibleibenden Flächen zwischen Umspannwerk und Siedlung insgesamt aufkauft und durch naturnahe Bepflanzung und Gestaltung aufwertet, als eine Art Kompensation. (Sie stehen zwar nicht in der Pflicht, aber vom Umfang her wäre das „Portokasse“ und der Akzeptanz sehr dienlich.) „Viele Probleme wären vom Hof, wenn ein Gewerbegebiet beim Umspannwerk ausgeschlossen würde“, stellte Joachim Tjaden (Ratsherr für die BASU) fest. Mit einer eindeutigen Zweckbestimmung „Ver- und Entsorgungsfläche“ (hier: für Energie) im Flächennutzungsplan wäre das machbar, wie ein Mitarbeiter vom städtischen Planungsamt unserer Zeitung auf Nachfrage bestätigte.

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