Der Schrumpf
Jun 292011
 

„Stadtgespräche“ setzten Akzente für Stadtplanung und Kommunalpolitik

(iz) Leerstehender Wohnraum, sinkende Einwohnerzahlen, Schulschließungen, Überalterung: Kein Grund zur Panik, aber es wird Zeit, was zu ändern. Mit Diskussionsabenden sorgte die Architektenkammer für Bewegung in den Köpfen – hoffentlich auch bei den Richtigen.

Wie erleben Wilhelmshavener ihre Stadt? Wer prägt und nutzt die Stadt? Wie kann sich der interessierte Bürger in Entscheidungsprozesse einbringen? Welche Zukunft hat Wilhelmshaven? In Leserbriefen, bei Ratssitzungen, Podiumsdiskussionen und im Wahlkampf werden diese Fragen immer mal diskutiert. Geändert hat sich dadurch nichts, alle machen weiter wie bisher. Wer meckert, ist ein „Nestbeschmutzer“; wer eingefahrene Strukturen in Frage stellt und neue Ideen hat, gilt als Spinner. Eigentlich wie aufm Dorf. Umso besser, dass mal Außenstehende ihre Sicht auf Wilhelmshaven wiedergeben und auch Ideen mitbringen, die andernorts schon funktioniert haben.

2006 startete die Architektenkammer Niedersachsen die Podiumsdiskussionsreihe „Stadtgespräche“ in Hannover. Jedes Jahr ist eine andere Stadt an der Reihe. In Kooperation mit dem Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Niedersachsen und Bremen (vdw) wurden jetzt in der Kunsthalle Wilhelmshaven drei Themenabende mit Experten aus Wirtschaft, Stadtpolitik, Soziologie, Kultur, Architektur und Stadtbaugeschichte organisiert. Die breite Öffentlichkeit ist ausdrücklich angesprochen, in den Diskurs einzusteigen.

„Shrinking City Wilhelmshaven“ war der Titel des ersten Abends. Der Anglizismus deutet darauf hin, dass schrumpfende Städte ein internationales Thema sind. Unlängst meldete sich ein holländischer Kollege beim vdw: „Ich möchte mir gern informieren über der Schrumpf .“

Klare Ansage

Carsten Ens, Sprecher des vdw, startete mit einem beherzten Impulsreferat. Er beklagte den „unheilvollen Trend“, Genossenschaftswohnungen an „Heuschrecken“ zu verkaufen – so wie es in Wilhelmshaven vor 11 Jahren mit der WoBau Jade passierte[1] (mit dem Erlös von ca. 100 Mio. DM war die Stadt kurzfristig schuldenfrei, inzwischen ist alles verbraten und der Haushalt wieder im roten Bereich – red). „Ein unglaublicher Vorgang“, wetterte Ens, „dessen Tragik die Stadtpolitiker im Ansatz nicht erfasst haben.“ Inzwischen sei die Jade schon dreimal weiterverkauft worden, der jetzige Besitzer war bis vor Kurzem nicht bekannt: Die BGP Oxford, „eine obskure Gruppe“[2]. Seit dem Verkauf seien zwar die Mieten erhöht, aber der Bestand nicht gepflegt worden[3]. Zum Glück, lobte Ens, gäbe es in WHV mit der „Spar und Bau“ und dem Bauverein Rüstringen noch zwei starke Genossenschaften mit sozialer Verantwortung. Er prognostizierte jedoch einen weiteren Anstieg der Leerstände.

Dr. Walter Prigge von der Stiftung Bauhaus Dessau ist Stadtsoziologe. Er berichtete, dass Dessau „auf hohem Niveau“ schrumpft, aber zumindest eine funktionierende Innenstadt hat. Aus der Abwärtsspirale komme eine Stadt irgendwann sowieso nicht mehr raus. Für den Schrumpfungsprozess empfiehlt er ein Umdenken in Richtung kleine Einheiten, Qualität und Partizipation („Das Volk ist schlauer als Politiker denken“). „Das Ideal der 24-Stunden-Stadt ist zu Ende“, man müsse die Stadt „temporär denken“ und auch Zwischennutzungen einbeziehen. „Lassen sie das Hertie-Gebäude doch 20 Jahre liegen – die nächste Generation wird es nutzen.“ (Das Plattform Festival im ehemaligen C&A-Bau bestätigt das – red). Man müsse auch den Mut haben, Stadtviertel ganz aufzugeben und die Stadt auf den Kern zusammenzuschrumpfen. Gerade der Zuzug von Rentnern, die kurze Wege brauchen, spräche dafür. Problem: „Aber Sie haben ja keine schöne Innenstadt, auf die Sie schrumpfen könnten“. Das meinte er nicht böse, sondern einfach ehrlich. Er hatte sich vorab ein bisschen umgesehen. So empfahl er auch, die Stadt grüner zu machen, auf Abrissflächen solle man „Landschaft reinlassen“. Mittlerweile gäbe es „Umwertungsprozesse“, das Auge wandele sich. Hängende Gärten an Brandmauern oder Modefotos vor Ruinen seien voll im Trend.

Zustimmendes Nicken – einzelne Zuhörer blieben aber doch bei eher spießigen Vorstellungen von Ästhetik: Die Stadt sei dreckig, alles voller „Unkraut“, und der Stadtpark würde „verlottern“.

Als Beispiel für Bausünden nannte Prigge die Volksbank an der Virchow-/Ecke Peterstraße: „Völlig daneben – eine autoritäre Geste!“ Zukünftig solle man auf regionaltypische Architektur setzen, da müssten auch Architekten Einfluss nehmen. Eine hiesige Architektin wies auf die Südzentrale hin – das dürfe nicht noch mal passieren, so ein Baudenkmal dem Verfall preiszugeben.

Abenteuerland statt Spießerbeete

WZ-Redakteurin Carolin von Nordeck näherte sich dem Thema emotional. Zum Einstieg in ihr Statement zitierte sie den Science-Fiction-Autor Jules Verne, der Wilhelmshaven bei seinem Besuch am 18.6.1888 als „rationelle Retortenstadt“ wahrnahm[4]. Die Journalistin beobachtet mit Sorge die Zersiedelung und Landflucht. „So lange Heimat da ist, spürt man sie kaum – erst wenn etwas zerstört ist, bemerkt man das Fehlen.“ Wohl wahr. Sie plädierte für mehr Bürgerbeteiligung. Wichtig sind ihr „verwunschene Ecken in der Stadt“, die es zu entdecken gilt – dafür fand sie den schönen Begriff „Abenteuerland“. Ein Zuschauer forderte, nicht weiter alle verbliebenen Freiflächen zu bebauen – auf der Wiesbadenbrücke könne auch ein Bürgerpark entstehen. Ein weiterer forderte einen Masterplan für eine zielgerichtete Stadtentwicklung.

In einer weiteren Veranstaltung der Reihe ging es auch um zukünftige Strategien für das Wohnungsangebot. Soll die Stadt sich weiter mit Eigenheimchen und Fachmärkten auf der grünen Wiese zerfasern oder lieber das Zentrum so umgestalten, dass die Leute in der Kernstadt bleiben bzw. dorthin zurückkehren? Hiesige wie auswärtige Fachleute waren sich einig, dass Variante zwei der demografischen Entwicklung gerechter wird und auch ökonomisch und ökologisch Sinn macht. Nun liegt es an der Politik, mit jeder Einzelentscheidung ausnahmslos die richtige Richtung einzuschlagen.

Touristensicht vs. Bürgerbedürfnisse

WTF-Geschäftsführer Raymond Kiesbye steckte sichtlich in der Bredouille, als Marketing-Chef offen für Neues zu sein, aber im Namen der Stadt doch ein bisschen abwiegeln zu müssen. Für die Umsetzung vieler Projekte fehle es nun mal am Geld. Er vermeldete, seit Januar würde die Einwohnerzahl stagnieren (also nicht weiter sinken); und es gäbe in Wilhelmshaven „40 attraktive Sehenswürdigkeiten zu entdecken“. Das interessiert allerdings eher Touristen und verhindert nicht die Abwanderung. Auch Prigge wies darauf hin, dass man zwischen der Alltags-Sicht und der von Touristen unterscheiden müsse. Den Unterschied verdeutlichte Moderator Gerhard Snitjer: Das maritim-städtische Erlebnis sei eine touristische Stärke Wilhelmshavens, die sonst hier an der Küste nur noch Bremerhaven bietet. „Die Urlauber nehmen selektiv wahr“ – die Leerstände in der Gökerstraße interessieren sie nicht. Man müsse „aus dem Meer mehr machen“ und die Stadt müsse grüner werden. Kiesbye widersprach: Die Stadt sei grün genug und „gut aufgestellt“. Und außerdem sauber. Aber der Bontekai müsse dringend zu einer Hafenpromenade ausgebaut werden. Kiesbye sprach als Touristiker – um Einwohner zu gewinnen oder zu halten, gilt es andere Bedürfnisse und Prioritäten zu berücksichtigen.

Kommentar
Kreative Lücke
Manch eine/r aus dem Publikum vermisste an diesem Abend Vertreter der Rats- und Verwaltungsspitze, vor allem das Fehlen von Stadtbaurat Klaus Kottek wurde kritisiert. Mir haben sie nicht gefehlt: Dieser Abend war so erfrischend anders als die üblichen, von den hier Abwesenden organisierten bzw. dominierten Gespräche, in denen sie stets aus ihrem Tunnelblick das unwissende Publikum belehren, alles besser wissen und rechtfertigen, warum sie immer so weitermachen wie bisher, weil alles andere Spinnerkram ist. Die „Stadtgespräche“ setzen bewusst auf den Blick und die Ideen von außen und von unten. Im Vorfeld der Kommunalwahl wurden damit wertvolle Ansätze für einen realistischen, angstfreien und kreativen Umgang mit dem demografischen Wandel vermittelt.
Welche Prognosen gibt es für die Bewohner in Stadt und Umland, welche Chancen für das Arbeiten, Handeln, Wohnen, Leben, Lernen und Erholen als Gradmesser für Lebensqualität in Wilhelmshaven? Schon diese Fragestellung der „Stadtgespräche“ zeigt, wo es hapert: Im Rat gewinnt man oft den Eindruck, „Arbeiten“ (vor allem in einem Hafen- / Industriebetrieb) sei der wesentliche Gradmesser für Lebensqualität. Und dann wundern sie sich, dass die Leute weglaufen – sogar welche, die hier noch Arbeit haben, aber lieber in Oldenburg wohnen, das vor Einwohner-Zulauf aus allen Nähten platzt. Noch hat unsere derzeitige Ratsmehrheit die Wahl, ob sie sich abwendet, wenn eine/r mit neumodischen Ideen kommt, oder einfach mal zuhört. Im September haben die BürgerInnen die Wahl, das Abwenden abzuwenden.
Imke Zwoch

[1] s. dazu u. a. unsere Berichte in den Ausgaben 150/Jan. 1999; 161/Sept. 2000; 210/August 2005; 223/ Dez. 2006; 232/ Dez. 2007

[2] s. a. Immobilien-Zeitung 10-2011 http://www.immobilien-zeitung.de/105480/kraeftig-gedreht

[3] Aus dem Forschungsbericht „Mehrfachverkäufe von Mietwohnungsbeständen“ des BMVBS (2010), Fallstudie WoBau Jade, S. 41 ff: Die Grundstrategie von Cerberus wird dahingehend weiter verfolgt, dass Bestandsinvestitionen weiterhin nur auf niedrigem Niveau erfolgen, die Mieten schrittweise erhöht und Wohnungen mit begrenzter Auswahl der Mieterschaft vermietet werden. Nachdem vor 2005 begonnene stadtentwicklungspolitische Projekte unter Cerberus noch zu Ende geführt wurden, findet unter der Eigentümerschaft von BGP/Oxford keine Zusammenarbeit mehr statt.

[4] s. a. http://www.mare.de/index.php?article_id=2463&setCookie=1

 

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