Frauentag

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Mrz 162011
 

Heute für morgen Zeichen setzen

100 Jahre Internationaler Frauentag: Vieles erreicht – Vieles zu tun

(iz) Zum 100-jährigen Bestehen des Internationalen Frauentages haben die Gleichstellungsbeauftragten und gewerkschaftlich organisierte Frauen einiges auf die Beine gestellt. Den Auftakt bildete das Frauenfest am 5. März im Gewerkschaftshaus. Doro Jürgensen und ihre Mitstreiterinnen vom DGB und den Einzelgewerkschaften entführten die Gäste auf eine Zeitreise durch die Geschichte des Kampfes um die Gleichberechtigung der Frauen.

In ihrer Begrüßung stellte “Reiseleiterin” Susanne Schulze (DGB) fest: “Die letzten100 Jahre und eigentlich auch schon darüber hinaus zeigen uns, dass Frauen viel erreichen können – jedoch am Ziel einer wirklichen Gleichstellung und Unabhängigkeit sind wir noch nicht angekommen.” Die aktuellen Forderungen lauten deshalb

  •  Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit
  •  Mindestlöhne in allen Branchen
  •  eine Geschlechterquote für Aufsichtsräte von 40% (warum eigentlich nicht 50%? – red.)
  •  mehr Frauen in Führungspositionen
  •  die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf – auch bei Pflege
  • die Verlängerung des Mutterschutzes von 14 auf 18 Wochen.

Vergangenheit

Clara_ZetkinErster Überraschungsgast des Abends war Clara Zetkin, die von Angelika Lindner in historischem Kostüm wieder zum Leben erweckt wurde. Auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen initiierte Zetkin (gegen den Willen ihrer männlichen Parteikollegen) den Internationalen Frauentag, der erstmals am 19. März 1911 begangen wurde (ab 1921 am 8. März). In ihrem Rückblick dankte Clara den Frauen von heute und ihren Vorfahrinnen für alles, was sie erkämpft und erreicht haben. “Doch habt ihr vollständige Gleichstellung erreicht? Das möchte wohl keine von euch behaupten! Der Siegeszug des ungezügelten Kapitalismus hat die Kolleginnen, Genossinnen und Schwestern aller Länder auf eurem Weg zur Gleichstellung schwer zurückgeworfen.” Aktuell wurde belegt, dass in Deutschland (2011) Frauen für die gleiche Arbeit 25% weniger Lohn oder Gehalt bekommen. Und dass Frauen in Führungspositionen immer noch deutlich unterrepräsentiert sind. “Clara” ermunterte die Anwesenden, trotz aller Rückschläge weiterzugehen “auf einem Weg, der nie geradeaus ging. Auf einem Weg, der nie gepflastert war, sondern voller spitzer Steine. Weitergehen! Zwei Schritte vor! Keinen zurück! Heute für morgen Zeichen setzen! Unser Motto für 2011: jeden Tag aufs Neue!”

Gegenwart

Dann kamen Arbeitnehmerinnen aus der Gegenwart zu Wort. Zwei davon arbeiten in “klassischen” Frauenberufen. Dragan Brinkmann-Crnoglavac arbeitet in einer Großwäscherei. Dort sind ein Drittel der Beschäftigten Männer und zwei Drittel Frauen – harte Arbeit und trotzdem geringes Lohnniveau. Susanne Noltemeier ist im Pflegedienst tätig. “Ein toller Job – ich möchte keinen anderen machen”, betonte Pflegekraft Susanne. “Aber Familie, Kinder und 24 Stunden Schichtdienst – das ist der Supergau, der Dienstplan ein Trauma”. Birgit Projahn und Ute Krapp-Kappe hingegen arbeiten in einer “Männerdomäne” – im Kranbaubetrieb Manitowoc, wo sie auch als Betriebsrätinnen tätig sind (der aus 3 Frauen und 10 Männern besteht).Von etwa 700 Beschäftigten sind 10% Frauen, überwiegend im Angestelltenbereich. Die beiden beklagten, dass sich immer noch zu wenige Frauen für eine Ausbildung im gewerblich-technischen Bereich bewerben.

Zum Thema prekäre Beschäftigung sprach Susanne Schulze, die vor ihrer Tätigkeit beim DGB diverse befristete Jobs hatte und sich fragt, wie ihre Rente in 25 Jahren einmal aussehen wird. Oft genug musste sie sich anhören, Frauen wollten ja nur 400- Euro-Jobs, mal schnell ein bisschen Geld verdienen.

Zukunft

Weiter ging die Zeitreise mit einem Gast aus der Zukunft. Anders als “Clara“ zeigte sich “Futura” alias Doro Jürgensen sehr überrascht über die Zustände, die sie bei ihrer Reise zurück ins Jahr 2011 vorfand. In ihrer Welt soll und darf jeder Mensch höchstens 3 Stunden am Tag einer beruflichen Tätigkeit nachgehen. Überstunden gelten als “Übelstunden”. Die übrige Arbeitszeit ist jede/r mit Organisation, Erziehung, Pflege, Bildung oder politischem Engagement beschäftigt – Aufgaben, die alle eine ebenso große Wertschätzung genießen wie eine berufliche Tätigkeit . Aus “digitalen Büchern und Hologramm-Aufzeichnungen” aus unserer Zeit hatte Futura bereits Erstaunliches erfahren, zum Beispiel, dass bei uns Erwerbsarbeit vorwiegend den Männern und Reproduktionsarbeit den Frauen vorbehalten ist und es so etwas wie Sklaven (=LeiharbeiterInnen) gibt. Die Trennung zwischen beruflichem und familiärem und gesellschaftlichem Engagement erscheint Futura kaum mehr nachvollziehbar. Die ungleiche Verteilung in Führungspositionen ist in ihrer Welt schon dadurch aufgehoben, dass die Führungsjobs alle 4 Jahre – geschlechtsunabhängig – rotieren. Wenig anfangen kann Futura mit Fremdworten wie “Kündigung” oder “Erwerbslosigkeit” oder gar “Deregulierung“. Putzig findet sie unsere Zahlungsmittel, die bei Ausgrabungen gefunden wurden. In ihrer Gesellschaft wurde Geld abgeschafft – oberstes Ziel ist es, Glück anzuhäufen, und das kann man nicht kaufen.

Ausstellung

Auch eine von den Veranstalterinnen erstellte Ausstellung machte 100 Jahre Kampf um Frauenrechte sehr lebendig und verdeutlichte, dass vieles, was uns heute selbstverständlich erscheint, erst seit gerade ein, zwei Generationen gesetzlich verankert ist. Das Wahlrecht haben Frauen in Deutschland seit 1919 (das passive wurde ihnen 1933 von den Nazis entzogen). Bis 1958 verwaltete der Mann das von seiner Frau in die Ehe eingebrachte Vermögen und verfügte auch über das Geld aus einer Erwerbstätigkeit der Ehefrau. Zudem konnte ein Ehemann das Dienstverhältnis seiner Frau fristlos kündigen. Bis 1975 benötigte die Frau zur Eröffnung eines Kontos die Unterschrift ihres Ehemannes. Bis 1977 mussten Frauen laut BGB ihre Ehemänner um Erlaubnis fragen, wenn sie einer beruflichen Tätigkeit nachgehen wollten. Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 1997 strafbar. Und erst 1998 wurde der §1300 BGB gestrichen, wonach eine Frau von ihrem ehemaligen Verlobten ein “Kranzgeld” fordern konnte – eine finanzielle Entschädigung, wenn sie ihm auf Grund eines Eheversprechens die “Beiwohnung” gestattet hatte, also die Jungfräulichkeit verlor und er anschließend das Verlöbnis löste.

So mancher Mann, der heute darüber entscheiden darf, ob eine Frau oder ein Mann eingestellt wird oder in welche Lohngruppe sie/er eingestuft wird, ist mit den alten Gesetzen noch groß geworden. Das ist keine Entschuldigung, aber eine mögliche Erklärung und einer von mehreren Gründen dafür, dass die Gleichberechtigung noch nicht erreicht ist.

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